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Die Geschichte der Wiener Rettung

Natürlich denkt niemand daran, krank zu werden oder einen zu Unfall haben. Aber wenn es doch einmal passiert, finden wir es völlig normal, dass nur wenige Minuten nach Wahl der Not- rufnummer 144 Rettungssanitäter und je nach Schwere der Erkrankung oder Verletzung auch ein Arzt oder eine Ärztin mit einen Rettungswagen oder Hubschrauber uns vor Ort versorgen und rasch in das nächste Krankenhaus bringen. Dabei ist gerade aus der Geschichte des Rettungswesens in Österreich abzulesen, dass früher ein Menschenleben nicht sonderlich viel wert war. Denn während beispielsweise Polizei, Gen- darmerie, Militär und Feuerwehr auf eine vielhundertjährige Geschichte zurückblicken können, ist das dauerhaft organisierte Ret- tungswesen in Wien geradezu jung, nämlich nur knapp über einhundert Jahre. Auslöser für die Gründung einer Rettungsgesellschaft in Wien war ein tragischer Theaterbrand. Da, wo heute die Landespolizeidirektion am Schottenring im 1. Wiener Gemeindebezirk steht und von wo aus Einsatzfahrzeuge und tausende Wiener Polizisten "dirigiert" werden, stand früher das Ringtheater.



Am 8. Dezember 1881 brach während einer abendlichen Vorstellung ein Brand aus, welcher zur größten Theaterbrandkatastrophe Europas führte: 386 Menschen starben in der Flammenhölle (siehe auch: Feuerwehr(en) in Wien). Neben anderen Fehlern und Pannen vergrößerte be- sonders das Fehlen einer geordneten medizinischen Versorgung geradezu dramatisch das nächtliche Unglück.
Ganz unter dem Eindruck dieser Katastrophe beschlossen der Arzt Jaromir Freiherr von Mundy und Johann Nepomuk Graf Wilczek eine aus freiwilligen Helfern bestehende Rettungs- gesellschaft zu gründen. Natürlich gab es auch schon vor dem Ringtheaterbrand verschiedene Einzelinitiativen, um Verunglückte zu retten. So stiftete Maria Theresia während ihrer Regierungszeit eine Prämie für Lebensretter und richtete Bezirksärzte ein. Van Swieten, der Leibarzt Maria Theresias, veranlasste einen Unterricht, wie "...scheinbar ertrunkene, erhenkte oder erstickte Menschen beym Leben zu erhalten seyen ...". 1803 gründete Pasqual Josef Ritter von Ferro eine erste Rettungsanstalt, welche jedoch
bloß bis 1809 bestand. Erst rund fünfzig Jahre später wieder wurden unter Kaiser Franz Josef I. Sicherheitswachstuben der Polizei auch für Rettungsmaßnahmen ausgestattet. Aber es gab für die große Reichshaupt- und Residenzstadt Wien bis 1881 noch immer kein geordnet organisiertes Rettungswesen. Und es ist kein Entschul- digungsversuch, wenn darauf hingewiesen wird, dass es auch in den anderen großen Städten Europas ähnlich um das Rettungswesen stand. Wie schon gesagt - ein Menschenleben war damals offensichtlich nicht viel wert ...
Freiherr von Mundy und Graf Wilczek hatten schon vor dem Ringtheaterbrand an der Gründung einer Rettungsorganisation gearbeitet. Nach dem dramatischen Vorfall aber waren für ihre Idee alle behördlichen Hemmnisse verschwunden und der Aufbau ging zügig voran. Schon im Jänner 1882 nahm die "Wiener Freiwillige Rettungs- Gesellschaft" offiziell ihren Betrieb auf. Graf Wilczek gab für die Rettungsgesellschaft das notwendige Grundkapital und half finanziell auch
in den folgenden Jahren. Es gab Aufrufe an die Bewohner Wiens, die neue Rettungs - Organisation bei Sammlungsaktionen materiell, aber auch durch persönliches Einsatz zu unterstützen. So folgte der Kaiser dem Spendenaufruf und Johann Strauß komponierte für die Rettungsgesellschaft den Marsch "Freiwillige vor"! Die auch späteren Generationen u.a. durch die beliebten Zweisitzermoped "Lohner Sissy" bekannte Firma "Jakob Lohner & Co" (die Nachfolgefirma Bombardier erzeugt heute die U-Bahnwagen der U 6) baute drei Ambu- lanzwagen. Im Jahre 1894 standen bereits rund um die Uhr (!) vier Ärzte im Dienst, zu jedem Unfall kamen neben dem Kutscher mit einem Pferdegespann ein Arzt und zwei Sanitätsgehilfen. Wegen des Baues der Stadtbahn (heute: U 4) musste die Rettungszentrale am Stubenring geräumt werden. Kaiser Franz Josef I. stellte in der Radetzkystraße ein Grundstück für die Errichtung einer neuen Zentralstation zur Verfügung, welche 1897 eröffnet wurde. Die